Blinker links: Neuland.

 

Text: Rüdiger Becker

Fotos: Rüdiger Becker, Dominique Polk

 

Entscheidungen stehen im Leben immer wieder an. Die einen fallen schwerer, die anderen leichter zu treffen. Die einen gilt es komplex zu durchdenken, andere wiederum werden durch Bauchgefühl gelenkt. Als wir uns an einem schönen Aprilmorgen auf die Motorräder schwingen und das noch schläfrige Rottweil Richtung Norden verlassen, stehen wir vor einer recht überschaubaren Wahl: rechts oder links abbiegen. Rechts, in Richtung vertrauter Schwarzwaldkurverei oder links in Richtung… Neuland. Zumindest für uns. Lockte uns der Schwarzwald bis dato immer wieder mit seinem unerschöpflichen Repertoire an allerfeinsten Kurvenstrecken, so hatten wir das ebenfalls nur einen Steinwurf entfernte Mittelgebirge „Schwäbische Alb“ irgendwie nicht so recht auf dem Radar. Völlig zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte.

Den Blinker Schalter nach links schieben, noch etwas steif durch die erste Kurve eiern und ab geht es in Richtung des südöstlich gelegenen Tuttlingen. Doch weit kommen wir nicht. Auf halber Strecke kündigt sich das verlockend klingende „Klippeneck“ an. Wir werfen unsere Maschinen in Schräglage, biegen ab und pfeilen kurz darauf über ein prächtiges Serpentinensträßchen auf 980 Meter Höhe. Erste Rast. Die Blicke schweifen hindernisfrei über die Baar Ebene und erspähen die westlichen Flanken des Schwarzwaldes. Traumhaft. Lediglich unser Kurvenhunger reißt uns von dieser famosen Fernsicht los.

Wehingen und Bärenthal tauchen kurz im Sichtfeld der Visiere auf, dann stürzen wir hinab ins idyllische Donautal. Saftige Wiesen umgeben den beschaulich dahin fließenden Strom. Das Benediktinerkloster St. Martin zu Beuron fügt sich perfekt in die Landschaft. Die Hintergrundkulisse der Erzabtei bilden steile aufragende Felswände – nicht nur für Motorradfahrer, auch für Wanderer und Kletterer eine perfekte Naturarena. Über kleinste Straßen tänzeln wir leichtfüßig nach Sigmaringen, den südöstlichen Rand der Alb. Im Schatten der mächtigen Schlossanlage genießen wir einen Cappuccino und lassen den aufkommenden Urlaubsgefühlen freien Lauf.

Den Koffeinhaushalt wieder ins Lot gebracht, rufen auch schon wieder die Sättel unserer F’s. Würzige Landluft und stets weitläufige Ausblicke begleiten uns in der Gegend um Stetten am kalten Markt. Wir dirigieren die Motorräder nach Norden. Bitz, Gauselfingen, Burladingen: Wenn die (Motorrad-)Welt noch irgendwo in Ordnung ist, dann hier. Verkehr: Fehlanzeige. Nie spektakulär aber zu jederzeit landschaftlich reizvoll kurven wir lässig dahin, inhalieren genussvoll den frischen Geruch saftiger Wiesen und preisen die stoisch über unseren Köpfen lächelnde Frühjahrssonne. Es ist wohl genau das, was die zweirädrige Zunft im nasskalten Winterhalbjahr so oft vermisst.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ehe wir uns versehen, rollen wir in der Gemeinde Sonnenbühl ein. Wir sind am Nordrand der Schwäbischen Alb, auf der sogenannten Mittleren Kuppenalb, angekommen. Die Sonne steht schon tief. Doch bevor es wieder Richtung Heimat geht, verabschiedet uns die Alb mit einem echten Highlight: Die Burg Hohenzollern. Mit ihrer exponierten Lage thront die Gipfelburg königlich auf dem 855 Meter hohen Bergkegel des Hohenzollern. Die mächtige Festungsanlage ist die Stammburg des Fürstengeschlechts und ehemals regierenden deutschen Kaiserhauses der Hohenzollern. Staunend stehen wir vor diesem steinernen, wehrhaften Trumm aus Mauern und Spitztürmen und kommen uns auf einmal ganz klein vor.

Ein letztes Mal betätigen wir die Anlasser der BMW’s und füllen die Zylinder mit Leben. Mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages kehren wir der Alb den Rücken zu, wohl wissend, dass wir auch in Bälde wieder vor der Entscheidung stehen: Rechts oder links abbiegen.